Sehnsucht
Emanuel Geibel (1815-1884)
Ich blick in mein Herz und ich blick in die Welt,
Bis von schwimmenden Auge die Träne mir fällt,
Wohl leuchtet die Ferne mit goldenem Licht,
Doch hällt mich der Nord, ich erreiche sie nicht.
O die Schranken so eng und die Welt
so weit,
Und so flüchtig die Zeit, so flüchtig die Zeit.
Ich weiß ein Land, wo aus sonnigem Grün
Um versunkene Tempel die Trauben glühn,
Wo die purpurne Woge das Ufer
beschäumt
Und von kommenden Sängern der Lorbeer träumt.
Fern lockt es und winkt dem verlangenden
Sinn,
Und ich kann nicht hin, ich kann nicht hin.
O hätt' ich Flügel durch Blau der Luft,
Wie wollt ich baden im Sonnenduft!
Doch umsonst! Und Stunde auf Stunde entflieht,
Vertraure die Jugend, begrabe das
Lied.
O die Schranken so eng
und die
Welt so weit,
Und so flüchtig die Zeit, so flüchtig die Zeit.
Volksliedchen
Friedrich Rückert (1788-1866)
Wenn ich früh in den Garten geh'
In meinem grünen Hut,
Ist mein erster Gedanke,
Was nun mein Liebster tut?
Am Himmel steht kein Stern,
Den ich dem Freund nicht gönnte.
Mein Herz gäb' ich ihm gern,
Wenn ich's heraus tun könnte.
Ich wandre nicht
Carl Christern
Warum soll ich denn wandern
Mit andern gleichen Schritt?
Ich pass' nicht zu den andern
Und Liebchen geht nicht mit.
Man singt in tausend Weisen
Von Bergen, Felsenhöhn:
Allein warum noch reisen?
Die Heimat ist so schön.
Ich will ja alles glauben,
Was draußen wächst und blüht,
Das Gold der süßen Trauben,
Wie's Sonnenfunken sprüht.
Allein, der Trank der Reben,
Er kommt ja auch hieher,
Wo mir mein holdes Leben
Ihn reicht, was will ich mehr?
Ich geh nicht ins Gewimmel
Der großen, weiten Welt;
Den klarsten, blausten Himmel
Zeigt Liebchens Augenzelt.
Und mehr als Frühlingswonne
Verspricht ihr Lächeln mir,
O Zarte meine Sonne!
Ich wandre nicht von hier.
Auf dem Rhein
Karl Immermann (1796-1840)
Auf deinem Grunde haben
Sie an verborgnem Ort
Den goldnen Schatz begraben,
Der Nibelungen Hort.
Ihn wahren deine Wellen
Bis an den Jüngsten Tag,
Zu der geheimen Stellen
Kein Räuber dringen mag.
Mir ward ins Herz gesenket
Ein Schatz, gleich wie dem Rhein,
Er ist darin ertränket,
Wird ewig drinnen sein.
Liebeslied
Marianne von Willemer (1784-1860)
in collaboration with Johann Wolfgang
von Goethe (1749-1832)
Dir zu eröffnen mein Herz verlangt mich;
Hört' ich von deinem, darnach verlangt mich;
Wie blickt so traurig die Welt mich an!
In meinem Sinne wohnet mein Freund nur,
Und sonsten keiner und keine Feindesspur.
Wie Sonnenaufgang ward mir
ein Vorsatz!
Mein Leben will ich nur zum Geschläfte
Von seiner Liebe machen,
Ich denke seiner, mir blutet das Herz,
Kraft hab' ich keine als ihn zu lieben,
So recht im Stillen; was soll das werden!
Will ihn umarmen und kann es nicht.
Lieder, Op. 40
Märzveilchen
Hans Christian Andersen (1805-1875)
Trans. Adelbert von Chamisso (1781-1838)
Der Himmel wölbt sich rein und blau,
Der Reif stellt Blumen aus zur Schau.
Am Fenster prangt ein flimmernder
Flor.
Ein Jüngling steht, ihn betrachtend,
davor.
Und hinter den Blumen blühet noch gar
Ein blaues, ein lächelndes Augenpaar.
Märzveilchen, wie jener noch keine gesehn!
Der Reif wird angehaucht zergehn.
Eisblumen fangen zu schmelzen an,
Und Gott sei gnädig dem jungen Mann.
Muttertraum
Hans Christian Andersen (1805-1875)
Trans. Adelbert von Chamisso (1781-1838)
Die Mutter betet herzig und
schaut entzückt
Auf den schlummernden Kleinen.
Er ruht in der Wiege so sanft und traut.
Ein Engel muß er ihr scheinen.
Sie küßt ihn und herzt ihn, sie hält sich kaum.
Vergessen der irdischen Schmerzen,
Es schweift in die Zukunft
ihr Hoffnungstraum.
So träumen Mütter im Herzen.
Der Rab indes mit der Sippschaft sein
Kreischt draußen am Fenster die Weise:
Dein Engel, dein Engel wird unser sein,
Der Räuber dient uns zur Speise.
Der Soldat
Hans Christian Andersen (1805-1875)
Trans. Adelbert von Chamisso (1781-1838)
Es geht bei gedämpfter Trommel Klang;
Wie weit noch die Stätte! der Weg wie lang!
O wär er zur Ruh und
alles vorbei!
Ich glaub', es bricht mir das Herz entzwei!
Ich hab' in der Welt nur ihn geliebt,
Nur ihn, dem jetzt man den
Tod doch gibt!
Bei klingendem Spiele wird paradiert;
Dazu bin auch ich kommandiert.
Nun schaut er auf zum letzten Mal
In Gottes Sonne freudigen Strahl;
Nun binden sie ihm die Augen zu -
Dir schenke Gott die ewige Ruh!
Es haben die Neun wohl angelegt:
Acht Kugeln haben vorbeigefegt.
Sie zittern alle vor Jammer und Schmerz -
Ich aber, ich traf ihn mitten in das Herz.
Der Spielmann
Hans Christian Andersen (1805-1875)
Trans. Adelbert von Chamisso (1781-1838)
Im Städtchen gibt es des Jubels viel,
Da halten sie Hochzeit mit Tanz und mit Spiel.
Dem Fröhlichen blinket der Wein so rot,
Die Braut nur gleicht dem getünchten Tod.
Ja tot für den, den nicht sie
vergißt,
Der doch beim Fest nicht Bräutigam ist:
Da steht er immitten der Gäste im Krug,
Und streichelt die Geige lustig genug.
Er streichelt die Geige, sein Haar ergraut,
Es schwingen die Saiten gellend und laut,
Er drückt sie ans Herz und achtet es nicht,
Ob auch sie in tausend Stücke zerbricht.
Es ist gar grausig, wenn einer so stirbt,
Wenn jung sein Herz um Freude noch wirbt.
Ich mag und will nicht länger es sehn!
Das möchte den Kopf mir schwindelnd verdrehn!
Wer heißt euch mit Fingern zeigen
auf mich?
O Gott - bewahr uns gnädiglich,
Daß keinen der Wahnsinn übermannt.
Bin selber ein armer Musikant.
Verratene Liebe
Hans Christian Andersen (1805-1875)
Trans. Adelbert von Chamisso (1781-1838)
Da nachts wir uns küßten, o Mädchen,
Hat keiner uns zugeschaut.
Die Sterne, die standen am Himmel,
Wir haben den Sternen getraut.
Es ist ein Stern gefallen,
Der hat dem Meer uns verklagt,
Da hat das Meer es dem Ruder,
Das Ruder dem Schiffer gesagt.
Da sang der selbige Schiffer
Es seiner Liebsten vor.
Nun singen's auf Straßen und Märkten
Die Knaben und Mädchen im Chor.
| Longing
Translation © Emily Ezust
I look in my heart and I look at the world
Till out of my clouded eyes a tear falls.
Though the distance glows with golden light,
The north wind tells me I shall not reach it.
Ah! How narrow our confines, how wide the world,
And how fleeting is time, how fleeting is time.
I know a land where in sun-filled greenery
Grapes gleam among sunken temples,
Where the purple wave covers the shore with foam
And laurels dream of singers
to come.
It lures from afar and beckons my
longing soul,
And I cannot go there, I cannot go there.
If I had wings to fly through the blue
How I would wish to bathe in sun's fragrance!
But in vain! Hour flees upon hour;
Pass your youth in mourning, bury
your song.
Ah! How narrow our confines,
how wide the world
And how fleeting is time, how fleeting is time.
Folksong
Translation © Richard Stokes
When at dawn I enter the garden,
Wearing my green hat,
My thoughts first turn
To what my love is doing.
Every star in the sky
I’d give to my friend;
I’d willingly give him my very heart,
If I could tear it out.
I Shall not Wander
Translation © Emily Ezust
Why should I wander
As others do?
I am not like others are,
And my love’s not going with them.
They sing a thousand songs
About mountains and high peaks:
But why should I travel?
My homeland’s so fair.
I’ll gladly believe them when they describe
What grows and blooms in foreign lands,
And how the gold of sweet grapes
Flashes like sparkling sunlight.
But the juice from grapes
Can be drunk here too,
And with my love to fill my glass,
What more have I to ask?
I shall not enter the hurly-burly
Of the vast wide world;
The clearest, bluest sky
Streams from my love’s eyes.
And her smile promises more
Than the bliss of spring;
O my own tender sun –
Never shall I depart from here!
On the Rhine
Translation © Emily Ezust
In your depths you have buried
In a secret place
The golden treasure -
The hoard of the Nibelungen.
Your waves preserve it
Until the Day of Judgment;
To that secret place
No robber may penetrate.
I have also sunk into my heart
A treasure, just as in the Rhine:
It has drowned in there
And will remain there forever.
Love Song
Translation © Emily Ezust
I long to open up my heart for you;
Hearing from yours, I long for;
How pathetic the world seems to me!
In my mind only lives my friend,
And nobody else, not a trace of an enemy.
Like a sunrise (all of a sudden) I came to the
conclusion!
In my life I will make it my topmost business
to love him,
I keep thinking of him, my heart's bleeding,
Bereaved of strength but for to love him,
Calmly and composed; where do we go!
I want to hold him in my arms but can not.
March violets
Translation © Emily Ezust
The heavens arch above, pure and blue,
And the flowers exhibit their frost.
The window is sparkling with shimmering
flora.
A young man is standing in front, gazing
intently.
And behind the flowers there blossoms
A pair of laughing blue eyes.
March violets, like nothing ever seen before!
The frost will dissolve with one breath!
Frosted flowers now begin to melt,
And God, be lenient with this young man.
A Mother's Dream
Translation © Emily Ezust
The mother prays sweetly and gazes with
delight
Upon her slumbering little one.
He rests in his cradle, so tender and cozy.
He must seem an angel to her.
She kisses him and hugs him, she cannot
restrain herself.
Forgetting all earthly pain,
Her hopeful dreams wander into the future.
Thus do mothers often dream.
The raven meanwhile, with its clan,
Shrieks a tune outside the window:
Your angel, your angel will be ours -
The brigand shall serve us at supper.
The Soldier
Translation © Emily Ezust
He walks to the sound of a muffled drum;
How far the place! - how long the way!
O if only he were at rest and everything past
already!
I think it will break my heart in two!
I loved only him in the world,
Only him, whom they are now putting to
death!
To the band they parade;
For this task I am also ordered.
Now he gazes for the last time
Up at the joyous sunbeams of God's sun;
Now they blindfold his eyes -
May God grant you eternal peace!
The nine then took aim:
Eight bullets shot wide.
They trembled, all full of misery and pain -
But I - I shot him right through the heart.
The Fiddler
Translation © Emily Ezust
In the little town there is much festivity,
They are holding a wedding there with dance
and play.
To the happy man, the wine sparkles so red;
But the bride looks like whitewashed death.
Yes, dead she is to him whom she cannot
forget;
He is at the feast but not as the bridegroom.
He stands among the guests at the inn,
Stroking his fiddle cheerily enough.
He strokes his fiddle, his hair turning grey.
The strings resound: shrill and loud;
He presses it to his heart, paying no heed
Whether it breaks into a thousand pieces.
It is quite hideous when one dies this way,
His heart young and still striving for joy.
I cannot and will not watch any longer!
It will make my head spin.
Who are you, with your fingers pointing at
me?
O God - graciously protect us
From the madness that may overwhelm us.
For I am myself a poor musician.
Betrayed Love
Translation © Emily Ezust
That night we kissed each other, o maiden,
No one was observing us.
The stars, which stood in the sky -
We confided only in those stars.
It was one star that fell,
And accused us to the sea;
Then the sea told it to a rudder,
And the rudder told it to a sailor.
That same sailor sang it
To his sweetheart.
Now, on the streets and in the market,
The boys and girls sing of it in chorus.
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